Arbeitgeber Proficlub: Der MSV Duisburg in der Saisonvorbereitung

0
Die Geschäftsstelle des MSV Duisburg
Die Geschäftsstelle des MSV Duisburg, Foto: Kevin Lenk

„Wir verkaufen Emotionen!“, nach diesem Leitspruch arbeitet die Geschäftsstelle der MSV Duisburg GmbH & Co. KGaA – wenn auch nicht immer positive. Eine Prämisse, die sich durch alle Abteilungen zieht. FUBA war während der Saisonvorbereitung auf die Spielzeit 2016/17 in Duisburg und hat Mäuschen in der Geschäftsstelle gespielt.

28. Juni 2016, Duisburg

„Seit mittlerweile 5 Jahren arbeite ich beim MSV Duisburg“, sagt Florian Clemenz, studentische Aushilfskraft im FanShop direkt an der Geschäftsstelle. Die Stellenausschreibung, auf die er sich damals bewarb, war datiert auf die Wochen vor dem DFB Pokalfinale 2011. Der Gegner damals: Reviernachbar Schalke 04. Wegen des großen Andrangs suchte der MSV Duisburg befristet studentische Aushilfen. Aber Florian Clemenz ist immer noch da. Obwohl der MSV seitdem zweimal von der 2. Bundesliga in die Dritte Liga abgestiegen ist. Der sportliche Abstieg hat sich im Absatz der Fanartikel jedoch nicht wiedergespiegelt. Gartenzwerge verkaufen sich immer noch wie von alleine.  „Der zu erwartende Absprung an Kunden ist ausgeblieben. Der Abstieg, der durch die Verweigerung der Lizenz durch die DFL zustande kam, hat sogar gegenteiliges bewirkt. Der Fanshop war jeden Abend sehr gut gefüllt“, erklärt Florian Clemenz.

»Das einzige Minus sind die Arbeitszeiten« – florian clemenz

Diese Woche beginnt die Saisonvorbereitung. Nicht nur für die Mannschaft, sondern auch für alle Mitarbeiter im Fanshop. „Die Trikots flocken sich schließlich nicht von selbst. Letzte Saison haben wir mehrere tausend Trikots vorbereitet, das hat bis zum 26. Spieltag gedauert“. Pro Stunde schafft ein Mitarbeiter im Schnitt die Vorbereitung von 30 Trikots. In der Saisonvorbereitung werden die Flockmaschinen sogar in der Auswärtskabine aufgestellt – drei Stück nebeneinander. Drei Mitarbeiter beflocken dann parallel den ganzen Tag die neuen Jerseys. Aufnäher-Batches von der DFL, Sponsoren sowie das MSV Logo: alles muss an seinem vorgeschriebenen Platz sitzen. Bei groben Platzierungsfehlern durch die Mitarbeiter werden die Trikots in einer Kiste gesammelt und im Laufe der Saison an den Trikothersteller Uhlsport zurückgeschickt.

Trotz dieser Mammutaufgabe relativiert Florian Clemenz den Stresslevel des Jobs: „Man muss das immer im Verhältnis sehen: natürlich ist der Job hier nicht so stressig, wie bei C&A im CentrO Oberhausen“. Der Job mache zum Großteil sehr viel Spaß. Die Gemeinschaft unter den vielen studentischen Aushilfen ist stark, auch privat unternimmt man gerne was zusammen. „Das einzige Minus sind die Arbeitszeiten“, beteuert er. An den Spieltagen, meist samstags und sonntags, sind Schichten von zehn Stunden keine Seltenheit. „Immerhin haben wir die Möglichkeit, eine Halbzeit des Spiels im Stadion zu schauen – mit freier Platzwahl. Das entschädigt dann für vieles, weil der Großteil der Mitarbeiter hier selbst stark mit dem MSV Duisburg sympathisiert“.

Der Herr über die Zahlen – auch in der Dritten Liga

Mehrere Millionen Euro werden an Thorsten Günzels Tisch umgelegt. Er ist Chef der Personalabteilung beim MSV Duisburg und kümmert sich somit um die Gehälter der Topspieler, Geschäftsführer und aller anderen Mitarbeiter.

Im Herzen Duisburgs kümmert er sich um die Berechnung von Gehältern, Einstellungen und Kündigungen sowie die Budgetplanung für die kommende Saison. Jedoch sind seine Aufgaben dabei jeden Tag unterschiedlich. „Kein Tag ist wie der andere. Immer wollen´se was von einem und dann komm ich zu meinem Plan erst kurz vor Feierabend“, erklärt der Angestellte des MSV Duisburg gelassen.

Die Verträge aller Spieler laufen über seinen Tisch, auch wenn Günzel nur die Entscheidungen der Trainer und Manager in die Tat umsetzt. Doch wenn Verträge nicht vorher in der Personalabteilung begutachtet wurden, läuft gar nichts. Denn Günzel prüft, ob der Verein sich seine Wünsche überhaupt erfüllen kann.

»Wenn es hart auf hart kommt, denkt jeder an sich selbst.« – thorsten günzel

Da der MSV Duisburg jetzt in 3. Liga zu sehen sein wird, herrscht Aufbruchsstimmung. Verträge werden nicht verlängert oder laufen aus. Trotz finanzieller Einbußen wird versucht, die wichtigsten Spieler zu halten. Allerdings haben nicht nur ein Großteil der Spieler Verträge die an die 2. Liga gebunden sind, sondern auch Mitarbeiter der Geschäftsstelle. Die Spielergehälter für die kommende Saison müssen angepasst werden – und auch bei den Mitarbeitern muss gespart werden.

Zur aktuellen Situation und wie sehr Thorsten Günzel diese selbst berührt, erklärt er: „Wenn es hart auf hart kommt, denkt jeder an sich selbst.” Das Ansehen, das er durch seine Anstellung bekommt ist ihm dann ganz egal. Der Verein sei ihm ans Herz gewachsen, doch Objektivität ist bei Personalentscheidungen von größter Wichtigkeit.

Wir verkaufen Emotionen

Der Verein und dessen Erfolg sind abhängig von der Leistung von 11 Sportlern – 250 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Das sei der größte Unterschied zur freien Wirtschaft, so Günzel. „Wir verkaufen Emotionen! Fans und Sponsoren sollen grade über diese Emotionen  Geld für den MSV Duisburg einbringen.“ Zwar gab es in der abgelaufenen Saison eher negative Emotionen, doch auch auf diese Weise kann der Zusammenhalt wachsen.

So können zum Beispiel Spielerprämien, wie Sieges- oder Auflaufprämien, die Hälfte des Gehalts ausmachen. Arbeitsverträge gelten zum Teil nur für bestimmte Ligen und Verschwiegenheitserklärungen gehören zu jedem Arbeitsvertrag dazu. Doch die großen Privilegien die sich jeder erhofft, wenn er die Chance bekommt für einen Proficlub zu arbeiten, bleiben aus. Freikarten für Spiele gehören zur Arbeit. Rabatte im Fanshop seien ohnehin nur für Fans erstrebenswert und die Netzwerkpflege sei nicht Günzels Ding.

Das Bauchgefühl entscheidet

Martin Haltermann ist Pressesprecher beim MSV Duisburg. Sein Arbeitsfeld wird geprägt durch den Umgang mit Medien sowie deren interne und externe Koordinierung. Die interne Kommunikation umfasst eigene Projekte, wie beispielsweise das Stadionheft. Die externen Aufgaben sind deutlich umfangreicher und zielen besonders darauf ab, den eigenen Verein in der Öffentlichkeit gut dastehen zu lassen. Bewährte Mittel, um Werbung in eigener Sache zu machen, sind dabei Veranstaltungen oder Marketingmaßnahmen für neue Fanartikel. Auch Fan-Feste und Familientage mit lokalen Musikern helfen bei der positiven Außendarstellung.  Zudem hat der Pressesprecher die Aufgabe die Spieler und Trainer medial zu schulen. Das Hauptaugenmerkt legt Martin Haltermann dabei auf die sozialen Netzwerke, die die einzelnen Spieler nutzen. Auf diese Weise pflegen die Spieler den Kontakt zu ihren Fans.

»Abschalten ist kaum möglich« – martin haltermann

Bei der Abwicklung von Transfers wird nach dem Motto „So spät wie möglich, so früh wie nötig“ gehandelt. Da Transfergerüchte heutzutage nur selten nicht schon vorher durch die Medien gehen, kann die Presseabteilung eines Fußballvereins meist nur noch den Abschluss bestätigen. Gerüchte werden, seitens des MSV Duisburgs, prinzipiell nicht kommentiert.

Für die Zukunft hat der MSV sich vorgenommen, den Social Media-Auftritt zu verbessern. Dabei soll besonders die Website ausgebaut und ein neuer Snapchat-Account angelegt werden. Langfristige Strategien sind allerdings nur selten möglich, da im Fußball viel mit Emotionen gearbeitet wird. Darüber hinaus ist jede neue Strategie situationsbedingt.

Der MSV ist immer präsent

Für Martin Haltermann ist der Verein mehr als nur ein Arbeitgeber. Für Ihn ist die Arbeit beim MSV „das Leben“ und eine gewisse Verbundenheit sei immer vorhanden. Auch, weil „der MSV immer präsent ist und man die Arbeit immer im Hinterkopf hat. Abschalten ist kaum möglich“.

»Im Endeffekt muss man spieler und trainer auch nur als angestellte sehen« – martin haltermann

Der Super-GAU für jedweden Pressesprecher eines Fußballvereins wäre ein Todesfall, wie Haltermann erzählt. Nicht nur, weil es aus beruflicher Perspektive schwer zu kommunizieren sei, sondern auch, weil man persönlich betroffen wäre. Der Lizenzentzug durch die DFL im Jahr 2013 kam einem Worst-Case-Szenario jedoch ziemlich nahe. Für solche Situationen gibt es keinen Masterplan. Hier wird „nach Bauchgefühl entschieden“. Schnelle und richtige Koordination ist in diesen Ausnahmesituationen das A und O. Wichtig ist, dass man auch stets die Schattenseiten im Blick behält. Martin Haltermann musste dies am eigen Leib erfahren: durch die Krisenkommunikation nach dem Zwangsabstieg trug er gar körperliche Schäden aufgrund von Stress und Überanstrengung davon.

Im Vergleich mit seinen Kollegen, die in der freien Wirtschaft tätig sind, hat Martin Haltermann im Großen und Ganzen dieselben Aufgaben. „Im Endeffekt muss man die Spieler und Trainer auch nur als Angestellte sehen“, erklärt Haltermann. Die Ziele sind gleich: das Unternehmen nach außen gut darstellen. Als Pressesprecher bei einem Profiklub könnten viele Sachen allerdings überraschender kommen: emotionsgesteuerte Strategien finden in der freien Wirtschaft keinen Platz.

Von Luisa Bomke, Cedrik Kehnen, Kevin Lenk

Der Artikel ist während einer Hausarbeit im Sommer 2016 an der Westfälischen Hochschule entstanden.

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Kommentar verfassen

wpDiscuz